Das gemeinsame Zentrum ist der Mensch
Zu Besuch bei den Kongresspräsidenten der OTWorld 2028 in Magdeburg und Dresden
Was braucht es für eine gute Hilfsmittelversorgung? Medizinische Expertise, handwerkliches Können, wissenschaftliche Erkenntnisse und technologische Möglichkeiten sind unverzichtbar. Ihre Wirkungen entfalten sie vor allem dann, wenn die beteiligten Professionen ihr Wissen zusammenbringen. Davon sind die beiden Kongresspräsidenten der OTWorld 2028 überzeugt. Bei Besuchen an ihren Wirkungsstätten in Magdeburg und Dresden geben Prof. Dr. med. habil. Christoph Lohmann und Thomas Mitzenheim Einblicke in ihre Arbeit – und zeigen, welche Perspektiven sie in die Gestaltung des Weltkongresses der OTWorld, der Weltleitveranstaltung für die moderne Hilfsmittelversorgung, einbringen. Die OTWorld findet vom 16. bis 19. Mai 2028 in Leipzig statt.
Lohmann leitet seit 2010 die Orthopädische Universitätsklinik der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg mit 89 Mitarbeitern. Klinische Versorgung, Forschung und Lehre greifen hier unmittelbar ineinander. Das Spektrum reicht von Endoprothetik, Schulter- und Wirbelsäulenchirurgie über Sport- und Tumororthopädie bis zu Rheumatologie und Kinderorthopädie. Auch neue Technologien gehören zum Klinikalltag: Robotik und Augmented Reality kommen bereits im Operationssaal zum Einsatz. Darüber hinaus beschäftigt sich die Klinik unter anderem mit Wearables, digitalen Anwendungen in der Rehabilitation und der Digitalisierung des Patientenpfades.
Rund 230 Kilometer entfernt führt Thomas Mitzenheim als Geschäftsführer die Orthopädie- und Rehatechnik Dresden GmbH. Das 1991 gegründete Unternehmen beschäftigt heute rund 330 Mitarbeiter am Stammsitz und in 14 Filialen in Sachsen. In den Werkstätten und Versorgungsbereichen treffen handwerkliche Expertise und moderne Technologien unmittelbar aufeinander. 3-D-Scan, digitale Modellierung und 3-D-Druck gehören seit Jahren zum Arbeitsalltag. Das Versorgungsspektrum reicht von Orthopädie- und Orthopädieschuhtechnik über Rehabilitationstechnik und Homecare bis zu spezialisierten Angeboten etwa für Kinder oder Menschen mit Venen- und Lympherkrankungen sowie nach Brustamputationen.
„Spannend wird es dort, wo diese Sichtweisen zusammenkommen“
„Unser gemeinsames Ziel muss es sein, patientenzentriert zu versorgen“, sagt Lohmann. Gerade bei komplexen Hilfsmittelversorgungen brauche es die medizinische Expertise genauso wie die der Orthopädie-Technik. Beide Professionen betrachteten den Menschen aus ihrer jeweiligen fachlichen Perspektive – für eine bestmögliche Versorgung müssten diese Perspektiven zusammenkommen. Eine große Stärke der OTWorld sieht Lohmann deshalb darin, einen Raum zu schaffen, in dem sich die verschiedenen Berufsgruppen „fachlich auf Augenhöhe austauschen können“.
Mitzenheim kennt diese unterschiedlichen Denkweisen seit seiner Ausbildung. Ein Satz aus seiner Meisterschule begleitet ihn bis heute: „Sie müssen lernen, wie wir Mediziner denken.“ Ärzte, so Mitzenheim, sehen das Krankheitsbild und die benötigte therapeutische Maßnahme. Orthopädietechniker dächten zusätzlich in biomechanischen Zusammenhängen und in der technischen Umsetzung eines therapeutischen Ziels. „Spannend wird es dort, wo diese Sichtweisen zusammenkommen.“
Mitzenheim selbst besuchte die Veranstaltung erstmals 1991. Weiterbildung und der Austausch mit anderen Fachrichtungen begleiten ihn seitdem durch sein Berufsleben. „Und das funktioniert in beide Richtungen: eigenes Wissen weitergeben und offen sein für das Know-how anderer. Genau das schätze ich an der OTWorld.“
Zusammenarbeit braucht eine gemeinsame Sprache
Doch fachlicher Austausch allein reicht den beiden Kongresspräsidenten nicht. Lohmann formuliert es deutlich: „Eine Verordnung zu verschicken und anschließend vielleicht noch um eine Korrektur gebeten zu werden, ist für mich noch keine interprofessionelle Zusammenarbeit.“ Gerade bei hochindividuellen Versorgungen brauche es den direkten Kontakt – die Mensch-zu-Mensch-Interaktion: Welche Ziele und Bedarfe hat der Mensch? Was ist medizinisch erreichbar? Was ist technisch möglich?
Medizin und Orthopädie-Technik brächten unterschiedliche Denkweisen und jeweils eigene Fachsprachen mit. „Entscheidend ist, die daraus entstehenden Grenzen zwischen den Professionen zu überwinden und eine gemeinsame Sprache zu entwickeln“, betont Lohmann. Dazu gehöre auch, auf ärztlicher Seite das Know-how über Technische Orthopädie und Hilfsmittelversorgung in der Aus- und Weiterbildung zu stärken.
Mitzenheim setzt an einem ähnlichen Punkt an: „Gute Zusammenarbeit beginnt für mich mit einem Verständnis dafür, was der andere kann – und wo die Grenzen der eigenen Profession liegen.“ Ein Arzt könne nicht die Detailkenntnisse eines Orthopädietechnikers besitzen, der sein Handwerk über Jahre erlernt habe. Umgekehrt ersetze die Orthopädie-Technik keine medizinische Diagnostik oder Therapie. Entscheidend sei, genug voneinander zu verstehen, um gemeinsam eine gute Versorgung auf den Weg zu bringen.
Dabei geht es für Lohmann um mehr als die Zusammenarbeit im einzelnen Versorgungsfall. Medizin und Orthopädie-Technik stünden vor Rahmenbedingungen, die eine individuelle und wohnortnahe Versorgung zunehmend herausforderten. „Darüber sollten wir nicht getrennt voneinander diskutieren. Wir tragen gemeinsam Verantwortung dafür, dass die Qualität der wohnortnahen Versorgung auch künftig erhalten bleibt.“
„Darüber sollten wir nicht getrennt voneinander diskutieren. Wir tragen gemeinsam Verantwortung dafür, dass die Qualität der wohnortnahen Versorgung auch künftig erhalten bleibt.“
Das gemeinsame Zentrum ist der Mensch
Der Weltkongress der OTWorld geht bewusst über das Zusammenspiel von Medizin und Orthopädie-Technik hinaus. Auch Orthopädie-Schuhtechnik, Physiotherapie und weitere Berufsgruppen bringen ihre Expertise ein. Für Lohmann bedeutet Interdisziplinarität deshalb auch, nicht in klassischen Hierarchien zu denken: „Nicht nur Mediziner und Orthopädietechniker, sondern jede an der Versorgung beteiligte Berufsgruppe bringt dezentral ihre fachliche Expertise ein. Das gemeinsame Zentrum ist der Mensch, der diese vielfältigen Kompetenzen benötigt.“
Wie konkret diese Zusammenarbeit aussehen kann, beschreibt Mitzenheim am Beispiel von Orthopädie-Technik und Physiotherapie. „Über die Bedeutung interdisziplinärer Zusammenarbeit besteht in der Theorie weitgehend Einigkeit. Im Versorgungsalltag muss sie aber gelebt werden. Manchmal kann schon ein kurzes Telefonat einen entscheidenden Unterschied machen.“ Benötige etwa ein Physiotherapeut Informationen darüber, welche Bewegungen mit einem bestimmten Prothesenkniegelenk möglich sind, helfe der direkte Kontakt häufig mehr als Schriftverkehr. Umgekehrt erfahre der Orthopädietechniker aus der Therapie, wo im Alltag oder Training noch Schwierigkeiten bestehen.
Für Lohmann eröffnet das Zusammenspiel der Professionen zugleich Möglichkeiten, gemeinsam neue Wege in Forschung und Entwicklung sowie beim Einsatz neuer Technologien zu gehen. Gerade angesichts des Fachkräftemangels müsse diskutiert werden, wo digitale Werkzeuge sinnvoll unterstützen und entlasten können. Eine Grenze zieht er dabei klar: „Dabei darf eines nicht passieren: dass wir an Qualität verlieren.“
Gemeinsam mit dem Programm- und Workshopkomitee werden Lohmann und Mitzenheim in den kommenden Monaten den Weltkongress 2028 gestalten. Dabei soll nicht allein entscheidend sein, dass unterschiedliche Professionen miteinander ins Gespräch kommen. Der Austausch soll Impulse dafür geben, wie Zusammenarbeit in der Versorgung künftig noch besser gelingen kann.
Mitzenheim bringt seinen Anspruch an die OTWorld 2028 auf den Punkt: „Für mich ist die OTWorld dann erfolgreich, wenn die Berufsgruppen nicht nur miteinander diskutieren, sondern anschließend anders miteinander arbeiten. "Mein Anspruch als Kongresspräsident ist klar: Aus Begegnung muss Zusammenarbeit werden.“
Als weltweit führende Veranstaltung für die moderne Hilfsmittelversorgung bringt die OTWorld Experten aus Medizin, Handwerk, Therapie, Wissenschaft, Forschung und Industrie zusammen. Die einzigartige Verbindung von Weltkongress und internationaler Fachmesse schafft dabei Raum für fachlichen Austausch, Wissenstransfer und neue Impulse für die Versorgung. Auf der OTWorld 2026 kamen 21.400 Fachbesucher aus 92 Ländern, 623 Aussteller aus 41 Ländern sowie mehr als 300 internationale Referenten zusammen.
Die Kongresspräsidenten im Interview
Mehr über ihre Perspektiven auf interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Hilfsmittelversorgung von morgen:
→ Prof. Dr. Christoph Lohmann: „Das gemeinsame Zentrum ist der Mensch“
→ Thomas Mitzenheim: „Aus Begegnung muss Zusammenarbeit werden“
Weiterführende Informationen
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OTWorld im Internet:
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