Das gemeinsame Zentrum ist der Mensch
Drei Fagen an Prof. Dr. Christoph Lohmann, Kongresspräsident der OTWorld 2028
Wie gelingt eine Hilfsmittelversorgung, in der unterschiedliche Professionen ihre Stärken zusammenbringen? Für Prof. Dr. Christoph Lohmann, Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik Magdeburg, sind der direkte Dialog und das Verständnis für die jeweils andere fachliche Perspektive entscheidend. Gemeinsam mit Thomas Mitzenheim steht er als Kongresspräsident der OTWorld 2028 für diesen interdisziplinären Ansatz. Im Interview erklärt er, warum Zusammenarbeit mehr braucht als eine Verordnung und weshalb für ihn der Mensch das gemeinsame Zentrum aller beteiligten Professionen ist.
1. Die OTWorld steht wie kaum eine andere Veranstaltung für die enge Zusammenarbeit von Medizin und Orthopädie-Technik. Was schätzen Sie persönlich an der Zusammenarbeit mit Orthopädietechnikerinnen und Orthopädietechnikern?
Prof. Dr. Christoph Lohmann: Unser gemeinsames Ziel muss es sein, patientenzentriert zu versorgen. Gerade bei komplexen Hilfsmittelversorgungen braucht es dafür die medizinische Expertise genauso wie die der Orthopädie-Technik. Beide Professionen betrachten den Patienten aus ihrer jeweiligen fachlichen Perspektive – für eine bestmögliche Versorgung müssen diese Perspektiven zusammenkommen.
Genau darin liegt für mich eine große Stärke der OTWorld: Sie schafft alle zwei Jahre einen Raum, in dem sich die verschiedenen Berufsgruppen fachlich auf Augenhöhe austauschen können.
2. Wo erleben Sie, dass die Zusammenarbeit zwischen Medizin und Orthopädie-Technik heute bereits besonders gut funktioniert – und wo sehen Sie noch Potenzial?
Lohmann: Zusammenarbeit funktioniert dort besonders gut, wo tatsächlich miteinander gesprochen wird. Eine Verordnung zu verschicken und anschließend vielleicht noch um eine Korrektur gebeten zu werden, ist für mich noch keine interprofessionelle Zusammenarbeit. Gerade in der Hilfsmittelversorgung haben wir es sehr häufig mit hochindividuellen Situationen zu tun. Da ist der direkte Kontakt notwendig – die Mensch-zu-Mensch-Interaktion: Welche Ziele und Bedarfe hat der Patient? Was können wir medizinisch erreichen? Was ist technisch möglich?
Medizin und Orthopädie-Technik bringen unterschiedliche Denkweisen und eine jeweils eigene Fachsprache mit. Entscheidend ist, die daraus entstehenden Grenzen zwischen den Professionen zu überwinden und eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Dazu gehört für mich ebenfalls, auf ärztlicher Seite das Know-how über Technische Orthopädie und Hilfsmittelversorgung in der Aus- und Weiterbildung zu stärken.
Gleichzeitig stehen beide Professionen vor Rahmenbedingungen, die eine individuelle und wohnortnahe Versorgung zunehmend herausfordern. Darüber sollten wir nicht getrennt voneinander diskutieren. Wir tragen gemeinsam Verantwortung dafür, dass die Qualität der wohnortnahen Versorgung auch künftig erhalten bleibt.
3. Neben Medizin und Orthopädie-Technik prägen Orthopädie-Schuhtechnik, Physiotherapie und weitere Berufsgruppen den Weltkongress. Welchen Mehrwert sehen Sie darin, dass so viele Disziplinen auf der OTWorld miteinander ins Gespräch kommen?
Lohmann: Die OTWorld mit ihrem interdisziplinären Ansatz kann dazu beitragen, dass wir Grenzen zwischen Berufsgruppen aufheben sowie Verständnis füreinander entwickeln und fördern. Für mich bedeutet Interdisziplinarität ferner, nicht in klassischen Hierarchien zu denken. Als Kongresspräsident möchte ich den Gedanken der patientenzentrierten Versorgung stärken: Nicht nur Mediziner und Orthopädietechniker, sondern jede an der Versorgung beteiligte Berufsgruppe bringt dezentral ihre fachliche Expertise ein. Das gemeinsame Zentrum ist der Mensch, der diese vielfältigen Kompetenzen benötigt.
Auf dieser Grundlage können wir gemeinsam neue Wege gehen – in Forschung und Entwicklung ebenso wie beim Einsatz neuer Technologien. Gerade mit Blick auf den Fachkräftemangel müssen wir uns damit beschäftigen, wo digitale Tools sinnvoll unterstützen und entlasten können. Dabei darf eines nicht passieren: dass wir an Qualität verlieren.
Bildunterschriften:
Abb. 1: Einblick in den Klinikalltag von Kongresspräsident Prof. Dr. Christoph Lohmann: Beim Besuch in der Orthopädischen Universitätsklinik Magdeburg im August 2026 führte Lohmann das OTWorld-Team auch durch den Operationstrakt. Im Bild (v. l. n. r.): Ruth Justen (BIV-OT), Sahra Iking und Antje Feldmann (beide Confairmed GmbH), Dr. med. Agnieszka Halm-Pozniak und Prof. Dr. Christoph Lohmann (beide Orthopädische Universitätsklinik Magdeburg) sowie Anja Hummel (Leipziger Messe).
Abb. 2: Austausch in Vorbereitung der OTWorld 2028: Das OTWorld-Team besuchte im August 2026 Kongresspräsident Prof. Dr. Christoph Lohmann an seiner Wirkungsstätte in Magdeburg. Im Bild (v. l. n. r.): Anja Hummel (Leipziger Messe), Sahra Iking (Confairmed GmbH), Dr. med. Agnieszka Halm-Pozniak (Orthopädische Universitätsklinik Magdeburg), Ruth Justen (BIV-OT), Antje Feldmann (Confairmed GmbH) und Prof. Dr. Christoph Lohmann (Orthopädische Universitätsklinik Magdeburg).