Aus Begegnung muss Zusammenarbeit werden

Foto: Leipziger Messe / Anja Hummel
Foto: Leipziger Messe / Anja Hummel

Drei Fragen an Thomas Mitzenheim, Kongresspräsident der OTWorld 2028

Medizin und Orthopädie-Technik betrachten eine Versorgung aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Genau darin liegt für Thomas Mitzenheim, Geschäftsführer der Orthopädie- und Rehatechnik Dresden GmbH, eine Stärke. Gemeinsam mit Prof. Dr. Christoph Lohmann übernimmt er die Kongresspräsidentschaft der OTWorld 2028. Im Interview spricht der Orthopädietechniker-Meister darüber, was die Professionen voneinander lernen können und warum aus fachlicher Begegnung Zusammenarbeit im Versorgungsalltag werden muss.

1. Die OTWorld steht wie kaum eine andere Veranstaltung für die enge Zusammenarbeit von Orthopädie-Technik und Medizin. Was schätzen Sie persönlich an der Zusammenarbeit mit Ärztinnen und Ärzten?

Thomas Mitzenheim: Schon in meiner Meisterschule in Eisenberg hat uns ein Mediziner immer wieder gesagt: „Sie müssen lernen, wie wir Mediziner denken.“ Dieser Satz ist mir hängen geblieben. Denn Medizin und Orthopädie-Technik betrachten eine Versorgung aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Ärzte sehen das Krankheitsbild und die benötigte therapeutische Maßnahme. Wir Orthopädietechniker denken zusätzlich in biomechanischen Zusammenhängen und überlegen, wie sich das therapeutisches Ziel technisch umsetzen lässt. Spannend wird es dort, wo diese Sichtweisen zusammenkommen.

Genau das macht für mich die OTWorld aus. Meine erste habe ich 1991 erlebt, als mich mein damaliger Chef mit zur ORTHOPÄDIE + REHA-TECHNIK nach Berlin nahm. Weiterbildung hat seitdem mein Berufsleben geprägt. Der Meisterbrief 1994 und der Bachelor in Unternehmensführung 2011 markieren dabei nur zwei Stationen – gelernt habe ich eigentlich immer.

Und das funktioniert in beide Richtungen: eigenes Wissen weitergeben und offen sein für das Know-how anderer. Genau das schätze ich an der OTWorld.

2. Wo erleben Sie, dass die Zusammenarbeit zwischen Medizin und Orthopädie-Technik heute bereits besonders gut funktioniert – und wo sehen Sie noch Potenzial?

Mitzenheim: Gute Zusammenarbeit beginnt für mich mit einem Verständnis dafür, was der andere kann – und wo die Grenzen der eigenen Profession liegen. Ein Arzt kann nicht die Detailkenntnisse eines Orthopädietechnikers besitzen, der sein Handwerk über Jahre erlernt hat. Umgekehrt ersetzen wir keine medizinische Diagnostik oder Therapie. Aber wir müssen genug voneinander verstehen, um gemeinsam eine gute Versorgung auf den Weg zu bringen.

Die Kompetenzen sind sehr verschieden ausgeprägt. Ärzte, die regelmäßig mit Hilfsmittelversorgungen zu tun haben, bringen häufig ein gutes Verständnis für deren Möglichkeiten und Wirkungsweisen mit. In anderen Bereichen gibt es Nachholbedarf. Seit der Zusammenlegung der Facharztausbildungen für Orthopädie und Unfallchirurgie im Jahr 2005 nimmt die Technische Orthopädie in der ärztlichen Aus- und Weiterbildung zum Beispiel weniger Raum ein. Auch bei Versorgungen nach Brustoperationen oder in der Kompressionstherapie sollte mindestens das Basiswissen über die Möglichkeiten der Hilfsmittelversorgung vorhanden sein. Hier sehe ich großes Potenzial für gemeinsame Fortbildungen. Wir sollten also nicht darüber diskutieren, welche Berufsgruppe etwas besser weiß, sondern es zusammenbringen. Entscheidend ist, dass das Wissen dort vereint ist, wo es gebraucht wird – beim Patienten.

3. Neben Orthopädie-Technik und Medizin prägen Orthopädie-Schuhtechnik, Physiotherapie und weitere Berufsgruppen den Weltkongress. Welchen Mehrwert sehen Sie darin, dass so viele Disziplinen auf der OTWorld miteinander ins Gespräch kommen?

Mitzenheim: Über die Bedeutung interdisziplinärer Zusammenarbeit besteht in der Theorie weitgehend Einigkeit. Im Versorgungsalltag muss sie aber gelebt werden. Manchmal kann schon ein kurzes Telefonat einen entscheidenden Unterschied machen. Wenn beispielsweise ein Physiotherapeut die Information benötigt, welche Bewegungen mit einem bestimmten Prothesenkniegelenk möglich sind, hilft der direkte Austausch oft mehr als jeder Schriftverkehr. Gleichzeitig erfährt der Orthopädietechniker aus der Therapie, wo ein Patient im Alltag oder Training noch Schwierigkeiten hat.

Solche Wege müssten viel selbstverständlicher sein. In der Praxis hängen sie heute noch häufig vom persönlichen Engagement Einzelner und von gewachsenen Netzwerken ab. Für mich ist die OTWorld dann erfolgreich, wenn die Berufsgruppen nicht nur miteinander diskutieren, sondern anschließend anders miteinander arbeiten. Mein Anspruch als Kongresspräsident ist klar: Aus Begegnung muss Zusammenarbeit werden.

Bildunterschriften:

Abb. 1: Welche Themen sollen den Weltkongress der OTWorld 2028 prägen? Kongresspräsident Thomas Mitzenheim (Mitte) beim Austausch mit Antje Feldmann (l.) und Sahra Iking (r., beide Confairmed GmbH) im August 2026 in der Orthopädie- und Rehatechnik Dresden GmbH.

Abb. 2: Orthopädie-Technik aus nächster Nähe: Bei einem Rundgang durch die Orthopädie- und Rehatechnik Dresden GmbH erläutert Kongresspräsident Thomas Mitzenheim (l.) Ruth Justen (Mitte, BIV-OT) und Antje Feldmann (r., Confairmed GmbH) die Herstellung einer Orthese.