21.05.2026 OTWorld

OTWorld: Verlässliche Hilfsmittelversorgung bei GKV-Reformen mitdenken

Verbände unterstützen Beitragssatzstabilisierung und mahnen planbare Rahmenbedingungen für Teilhabe an

Die Stabilisierung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung ist ein wichtiges gesundheitspolitisches Ziel. Mit Blick auf den aktuellen Entwurf eines GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes warnen Hilfsmittel- und Patientenverbände jedoch davor, die Versorgung von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen aus dem Blick zu verlieren. Verlässliche Hilfsmittelversorgung und Rehabilitation sind entscheidend für Teilhabe – und stärken Gesellschaft und Arbeitsmarkt. Bereits heute sehen die Verbände insbesondere bei Genehmigungsverfahren, Versorgungsabläufen und beim Zugang zu Rehabilitationsangeboten konkreten Verbesserungsbedarf. Im Rahmen der OTWorld 2026 in Leipzig machen sie daher deutlich: Diese Herausforderungen müssen auch bei anstehenden Reformen konsequent berücksichtigt werden.

Teilhabe eröffnet Zugang zu Bildung, Arbeit und gesellschaftlichem Leben. Damit dieses Potenzial genutzt werden kann, müssen Hilfsmittelversorgung und Rehabilitation kontinuierlich ineinandergreifen und bürokratische Hürden abgebaut werden.

Um diese Ziele zu erreichen, sehen die beteiligten Organisationen drei zentrale Ansatzpunkte: eine gesicherte Versorgung, besser zugängliche Rehabilitation sowie transparente und zügige Entscheidungen.

Die OTWorld zeigt, was heute in der Versorgung möglich ist“, sagt Alf Reuter, Präsident des Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik (BIV-OT), dem fachlichen Träger der OTWorld. „Entscheidend ist jetzt, dass diese Möglichkeiten flächendeckend bei den Menschen ankommen – ohne unnötige Hürden und mit klar abgestimmten Prozessen. Denn am Ende zählt nicht, was möglich ist, sondern was tatsächlich im Alltag ankommt.“

Mit Hilfsmitteln zurück in Alltag und Beruf

Für Menschen mit Amputationen entscheidet sich Teilhabe im Alltag – und beim Wiedereinstieg in das Berufsleben. Darauf machen die Arm Prosthesis Community, der Bundesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputation e.V. (BMAB) und der Landesverband für Menschen mit Arm- und Beinamputation NRW e.V. (LVAmp NRW) aufmerksam.

Eine individuell angepasste Prothese bildet die Grundlage. Ob sie im Alltag tatsächlich Sicherheit und Selbstständigkeit ermöglicht, hängt jedoch maßgeblich vom Prothesentraining, Erfahrungsaustausch und kontinuierlicher Begleitung ab. Doch der Zugang zu spezialisierten Therapieangeboten ist häufig begrenzt.

In Deutschland gibt es viel zu wenig Physiotherapeuten mit der Spezialausbildung für Prothesentraining. So entstehen unnötige Versorgungslücken“, lautet die gemeinsame Botschaft der an der OTWorld beteiligten Patientenverbände im Bereich Amputation. „Wir können viel mehr, wenn man uns lässt.“

Früh fördern, Familien entlasten

RehaKIND – Internationale Fördergemeinschaft Kinder- und Jugendrehabilitation e.V. betont, dass eine hochwertige Versorgung von Kindern langfristige gesellschaftliche Effekte hat. Werden sie frühzeitig mit Hilfsmitteln versorgt, können sie sich besser entwickeln und später ihre Fähigkeiten ins Arbeitsleben einbringen. Auch die Familien profitieren: Wenn Hilfsmittel zuverlässig bereitstehen, können Eltern Beruf und Betreuung besser vereinbaren und im Erwerbsleben bleiben. „Was fehlt, sind verbindliche und schnelle Verfahren – damit notwendige Versorgung nicht an Zuständigkeiten oder langen Genehmigungsprozessen scheitert“, erklärt Christiana Hennemann, Geschäftsführerin rehaKIND. „Gerade bei Kindern entscheiden Verzögerungen über Jahre hinweg über Entwicklungschancen.“

Versorgungssicherheit gewährleisten

Für Menschen mit angeborenen Fehlbildungen ist eine kontinuierliche Versorgung Voraussetzung für Alltag und Beruf. Darauf weist der Bundesverband für PFFD, FFU, Fibula- und Tibiadefekte e.V. (BuPFT e.V.) hin. Fehlende Verträge zwischen Kostenträgern und Leistungserbringern haben in der Vergangenheit regional zu langen Wartezeiten geführt – mit direkten Auswirkungen auf die Mobilität der Betroffenen. „Ohne gesicherte Versorgung geht Teilhabe verloren“, betont Hannah Rüdiger, 2. Vorsitzende des BuPFT. „Erforderlich sind stabile Rahmenbedingungen und eine kontinuierliche Betreuung.“

Verfahren transparenter und schneller gestalten

Eine Befragung der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e.V. (FGQ) und des BIV-OT im Herbst 2024 zeigte deutliche Defizite: Laut den Ergebnissen dieser Befragung haben 93 Prozent der Teilnehmenden bereits Ablehnungen ihrer Krankenkasse erlebt, 42 Prozent gaben an, trotz ihrer von den Krankenkassen bewilligten Hilfsmittelversorgung in Alltag, Beruf und Sport nicht mobil zu sein. Gleichzeitig ist das Vertrauen in die Leistungserbringer hoch. „Nicht die Versorgung vor Ort ist das Problem, sondern die Verfahren“, so Marion Bender, 1. Vorsitzende der FGQ. „Genehmigungen müssen transparent, nachvollziehbar und am Bedarf der Betroffenen ausgerichtet sein.“

Übergänge in den Alltag sichern

Auch bei Schlaganfall-Patienten zeigt sich, wie wichtig eine durchgängige Versorgung ist. Während Akutphase und Rehabilitation gut strukturiert sind, fehlt nach der Rückkehr in den Alltag häufig Orientierung. Betroffene und ihre Angehörigen müssen Therapien organisieren, Hilfsmittel beantragen und sich im Versorgungssystem zurechtfinden. „Die medizinische Versorgung ist auf hohem Niveau – die Herausforderung beginnt danach“, erläutert Dr. Michael Brinkmeier, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. „Damit Teilhabe gelingt, braucht es klare Strukturen, die die Zeit nach der Reha aktiv begleiten – statt die Organisation der weiteren Versorgung den Betroffenen zu überlassen.“

Die Beispiele zeigen, wie entscheidend verlässliche Strukturen für Teilhabe im Alltag sind – und welches Potenzial entsteht, wenn sie funktionieren.

Foto: BIV-OT/Jens Schlüter v.l.n.r.:

• Alf Reuter, Präsident des Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik (BIV-OT)

• Lara Wilkin, Gründerin der Arm Prosthesis Community

• Michael Kramer, Sportbeauftragter des Bundesverbandes für Menschen mit Arm- oder Beinamputation e.V. (BMAB)

• Rainer Lütkemeyer, 2. Vorsitzender des Landesverbandes für Menschen mit Arm- und Beinamputation NRW e.V.  (LVAmp NRW)

• Rolf Brakemeier, 1. Vorsitzender des Landesverbandes für Menschen mit Arm- und Beinamputation NRW e.V.  (LVAmp NRW)

• Christiana Hennemann, Geschäftsführerin, rehaKIND – Internationale Fördergemeinschaft Kinder- und Jugendrehabilitation e.V.

• Dorothea Voß, 1. Vorsitzende des Bundesverbandes für PFFD, FFU, Fibula- und Tibiadefekte e.V. (BuPFT e.V.)

• Hannah Rüdiger, 2. Vorsitzende des Bundesverbandes für PFFD, FFU, Fibula- und Tibiadefekte e.V. (BuPFT e.V.)

• Johannes Ody, AG Betroffene des Bundesverbandes für PFFD, FFU, Fibula- und Tibiadefekte e.V. (BuPFT e.V.)

• Anna Engel, Reha- und Nachsorge-Expertin der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe

Gemeinsamer Appell an die Gesundheitspolitik: Vertreter von Hilfsmittel- und Patientenverbänden machen zur OTWorld 2026 deutlich, dass GKV-Reformen die verlässliche Versorgung und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen sichern müssen. Foto: BIV-OT/Jens Schlüter
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